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Erfahrungsberichte
13:25 Uhr · 4. Dezember 2020

Julia, 26, aus Amberg

Die Sozialpädagogin kämpft mit seltenen Corona-Folgen. Das Virus greift ihr Gehirn an.

Julia, 26, aus Amberg /
Illustration: Neele Jacobi/tactile.news

“Es hat sich mein Gehirn ausgesucht”

Als Julia, 26, aus Amberg in Bayern erkrankt, macht sie sich mehr Sorgen um ihre Mutter als um sich selbst. Doch dann hat die Sozialpädagogin Probleme, die nicht mehr verschwinden.

Das Virus ist tückisch

Irgendwann um die Jahreswende 2020 saß ich in der Bahn und spielte aus Langeweile ein Handyspiel: Ich entwarf darin ein Virus und schickte es auf seine todbringende Reise um den Globus. Auf einer Weltkarte konnte ich sehen, wie es Meere und Kontinente überquert, ganze Länder einnimmt. Was für ein Irrsinn, dachte ich. Heute denke ich immer wieder mal: Schau, du bist Teil dieses Spiels geworden. Aber anders als in der Bahn kann ich nicht allein bestimmen, wann alles aufhört. Das Virus wütet immer weiter. Auch in mir. 

Ich habe die Pandemie von Anfang an ernst genommen. Nicht aus Angst um mich, sondern vor allem um meine Mutter, mit der ich zusammen wohne. Letztes Jahr ist mein Vater plötzlich gestorben. Meine Mutter kann ich nicht auch noch verlieren. Darum waren wir extrem vorsichtig, haben Kontakte begrenzt, sind nicht in Urlaub gefahren. Na klar, war da die Hoffnung, unsere Vorsicht zahlt sich aus. Aber das Virus ist eben tückisch, genau wie im Spiel.

Wird schon, dachte ich

Mitte September rief mich das Gesundheitsamt an: Eine Kollegin war positiv getestet worden. Tatsächlich hatte auch ich bereits leichte Anzeichen: dreimal Husten am Tag. Ich habe mich sofort in einem Zimmer isoliert, um meine Mutter nicht zu gefährden. In der Wohnung bewegte ich mich, wenn überhaupt, nur noch mit Maske.

Meine Symptome wurden nicht viel schlimmer, ein bisschen Abgeschlagenheit kam hinzu, ein bisschen Schnupfen, der Geruchs- und Geschmackssinn litt. Wird schon, dachte ich. 

Aber dann, als ich symptomlos war und alles schon überstanden glaubte, wurde ich plötzlich vergesslich. In Gesprächen fehlten mir die Wörter, fünfmal rief ich an einem Tag meine Mutter an, um etwas zu fragen. Kurz darauf sah ich auf einmal nur noch verschwommen. Da bekam ich Panik.

Das Robert Koch-Institut zu diesem Fall:

Julia beschreibt typische Symptome wie Husten, Schnupfen, Müdigkeit und den Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns. Dazu leidet sie an ungewöhnlichen Symptomen: Julia hat Gedächtnis- und Wortfindungsstörungen. An ihrem Fall zeigt sich, wie unterschiedlich sich eine Corona-Erkrankung zeigt. Das macht die Selbstdiagnose unmöglich und deshalb benötigen wir Labortests. Die Gesundheitsämter in Deutschland versuchen, möglichst viele der Erkrankten nach ihren Symptomen zu fragen. Husten ist das meist genannte Symptom. Wie häufig Ausfallerscheinungen, wie sie Julia erlebt, vorkommen und wie lange sie bestehen bleiben, muss erst noch erforscht werden. Weiterführende Informationen finden Sie im Steckbrief des Virus

Robert Koch-Institut
Projektgruppe Wissenschaftskommunikation

Eben noch war ich kerngesund. Und jetzt habe ich eine Brille und bin unglaublich vergesslich

„Ich pack’s nicht mehr“, sagte ich dem Augenarzt. Er untersuchte mich sofort. Ohne Ergebnis. Aber mit riesiger Wahrscheinlichkeit verursacht das Coronavirus die Probleme, sagte er. Es greift Gefäße und Nerven in einer Körperregion an. Bei mir hat es sich leider das Gehirn ausgesucht. Eben noch war ich kerngesund - und jetzt muss ich eine Brille tragen und bin unglaublich vergesslich.

Zum Glück ist mein enges Umfeld geduldig. Auch mein Arbeitgeber ist verständnisvoll, gerade bin ich in der Wiedereingliederung. Ich kämpfe mich Tag für Tag zurück. Langsam werden auch meine Aussetzer weniger. Aber selbst wenn sie nie mehr ganz verschwinden: Ich werde damit zu leben wissen. 

Übrigens, dieses Handyspiel habe ich nie gewonnen: Mein Virus war immer schwächer als die Weltgemeinschaft.

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