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Bundesministerium für Gesundheit
Erfahrungsberichte
12:43 · 2. Februar 2021

Siegfried, 94, aus Lüneburg

Im November bricht in seinem Altenheim das Coronavirus aus. Das Haus wird abgeriegelt, die Bewohner müssen in ihren Zimmern bleiben. Den Rentner erwischt es trotzdem.

„Ich nehme es hin, wie es ist“

Wie es mir heute geht? Dreiviertel gut würde ich sagen. Bloß: Dass ich nicht mehr ganz fit bin, Wehwehchen, auch einmal Atemnot habe, ist wohl ganz normal mit 94 Jahren. Unmöglich zu sagen, ob das nun an meiner Corona-Infektion liegt oder nicht. Ich nehme es hin, wie es ist. Diese Haltung hat mich immer gut durchs Leben getragen – und durchs vergangene Jahr. 

Corona hat mich von Anfang an interessiert: Dass ein winziges Virus unsere Welt stilllegen kann, das hätte ich nicht für möglich gehalten. Ab Mai habe ich Buch geführt: Jeden Tag habe ich die Infektionszahlen in Niedersachsen, Deutschland, Frankreich, England und in den USA notiert, habe die Zahl der aktiven Fälle berechnet. Ich wollte den Überblick behalten – und ein bisschen Gehirnjogging war es auch.

Die erste Welle ist zum Glück an unserem Heim vorbeigezogen. Im Spätherbst hat es uns dann doch erwischt. Dutzende Bewohner wurden krank, einige starben. Um die Sache in den Griff zu bekommen, wurde das Haus unter Quarantäne gestellt. Als es nicht besser wurde, beschloss die Leitung, dass wir eine Zeitlang unsere Zimmer nicht verlassen durften. 

„Wir haben hier alle schon eine Menge durchgestanden. Das hilft jetzt”

Schön ist das nicht: Gymnastik, Gedächtnistraining, meine geschätzte Skatrunde, Spaziergänge – alles, was den Alltag hier aus- und lebenswert macht, ist plötzlich weg. Doch die meisten Bewohner schluckten es trocken runter. Irgendetwas musste die Heimleitung ja tun, man konnte die Sache doch nicht schlurren lassen. 

Ich habe die Konsequenz hier im Heim geschätzt. Die Politik dagegen hat – für meine Begriffe – zuletzt viel zu viele unausgegorene Schritte gemacht. 

Angst, nein, die habe ich nie verspürt. Wissen Sie, mit unseren 80, 90 Jahren haben wir alle hier schon eine Menge erlebt, auch durchgestanden. Das hilft, die jetzige Situation anzunehmen. Ich habe nur noch einmal mit meinem Betreuer besprochen, dass ich im Fall der Fälle möglichst nicht mehr ins Krankenhaus und an Apparate angeschlossen werden möchte. Nein, das wollte ich nicht. 

„Der Wald ist 30 Schritte entfernt – und doch zurzeit unerreichbar“

Dann trat der Fall der Fälle ein. Zum Glück bin ich glimpflich davongekommen. Ich habe keine große Erinnerung an die Krankheitstage. Ich weiß nur: Irgendwann zwischen Weihnachten und Neujahr bin ich aus meinem Dämmerdasein wieder aufgewacht. Eine Pflegerin war da. Sie sagte nur: Sie waren krank, sie haben Glück gehabt.  

Aus unseren Zimmern dürfen wir längst wieder raus, auch wieder stundenweise Besucher empfangen. Mal wieder das Heim verlassen zu können, das wäre natürlich auch schön. Wir leben am Stadtrand. Der Wald mit den Teichen, an denen ich so gern den Enten zuschaue, liegt nur 30 Schritte entfernt – und ist zurzeit doch unerreichbar. Aber ich weiß: Auch das wird irgendwann wieder anders sein. 

Das sagt das Robert Koch-Institut zu dem Fall:

Siegfried ist über 80 und gehört damit zur Risikogruppe. Glücklicherweise hat er die Krankheit dennoch gut überstanden. Seine über 80-jährigen Altersgenossinnen und Altersgenossen gehören zu den ersten, die geimpft werden sollen. Nach derzeitigem Forschungsstand ist weiterhin ungewiss, ob durch eine COVID-19-Erkrankung eine dauerhafte Immunität aufgebaut wird. Die Bildung von Antikörpern gehört zu einem sehr wichtigen Teil des Immunsystems. Ein weiterer wichtiger Teil des Immunsystems ist die zelluläre Immunantwort. Der Einfluss der Impfung auf diese zelluläre Immunantwort wird derzeit bei der Prüfung der Impfstoffe untersucht.

Robert Koch-Institut
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