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Körperliche Gesundheit
08:33 Uhr · 6. Mai 2020

Trügerischer Trost: Warum wir Alkohol gerade jetzt meiden sollten

In der Coronavirus-Epidemie erleben wir alle Momente, die wir als belastend empfinden. In diesen Stresssituationen greifen manche Menschen vermehrt zu Alkohol. Dabei gibt es gute Gründe, gerade jetzt darauf zu verzichten, erklärt Dr. Heidrun Thaiss, Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Bild: Getty Images / Jamie Grill

Die Coronavirus-Epidemie stellt uns vor unterschiedliche Herausforderungen. Manche Menschen müssen sich mit Homeoffice und Homeschooling arrangieren, andere sind von Arbeitslosigkeit bedroht oder betroffen. Einige Menschen leiden unter Vereinsamung, andere unter zu viel Enge zuhause. Stresssituationen wie diese können dazu führen, dass der Alkoholkonsum steigt. Dabei liefert uns gerade die Coronavirus-Epidemie gute Gründe, Alkohol zu meiden, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BZgA) betonen. 

Alkohol löst keine Probleme und kann in die Abhängigkeit führen

„Die herausfordernde Pandemie-Situation und die damit verbundenen Einschränkungen sozialer Kontakte können psychisch sehr belastend sein. Gefühle von Einsamkeit, finanzieller Unsicherheit und Zukunftsängste spielen hierbei eine Rolle“, sagt Dr. med. Heidrun Thaiss, Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). „Dies kann dazu führen, Alkohol als vermeintlichen Trostspender und Seelentröster zu sehen. Doch das ist riskant, denn bei regelmäßigem Alkoholkonsum zur Problembewältigung kann sich eine Gewöhnung und schließlich eine Alkoholabhängigkeit entwickeln.“

Alkoholkonsum steigt offenbar derzeit

Umfragen deuten darauf hin, dass der Alkoholkonsum bei einem Teil der Bevölkerung in der Coronavirus-Epidemie steigt. Ende März ermittelten Marktforscher, dass acht Prozent der Frauen und 15 Prozent der Männer beim Einkauf häufiger zu Bier, Wein und Hochprozentigem greifen. Und im Internet kursieren Witze über die Bekämpfung der Epidemie mit Alkohol. Doch die Idee, dass Schnaps im Blut das Virus killt, ist ein schlechter Scherz. Hochdosierter Alkohol ist zwar ein Anti-Viren-Mittel – aber nur, wenn damit Oberflächen abgewischt werden. Alkohol zu trinken ist nicht nur nicht hilfreich gegen das neuartige Coronavirus – es ist eindeutig schädlich: Alkoholkonsum schwächt das Immunsystem und verringert somit die Fähigkeit des Körpers, Infektionskrankheiten abzuwehren. 

Nicht mehr als ein Glas pro Tag für Frauen, zwei für Männer 

Geringfügiger Alkoholgenuss ist unbedenklich, aber ab welcher Menge Alkohol wird es problematisch? Thaiss: „Alkohol ist eine psychoaktive Substanz und ein Zellgift. Der Konsum von Alkohol ist grundsätzlich mit Gesundheitsrisiken verbunden. Wichtig ist, die Empfehlungen für einen risikoarmen Alkoholkonsum zu beachten: Gesunde erwachsene Frauen sollten nicht mehr als ein kleines Glas Bier oder Wein pro Tag trinken, gesunde erwachsene Männer maximal das Doppelte. Zwei Tage pro Woche sollten immer alkoholfrei sein, damit sich keine Gewöhnung einstellt.“ Außerdem gelte bei Schwangerschaft, Medikamenteneinnahme und im Straßenverkehr: Null Promille. 

Alkohol hilft nicht gegen Stress und macht aggressiv 

Auch als Mittel gegen Stress ist Alkohol keine gute Wahl. Er erhöht nachweislich die Symptome von Panik- und Angststörungen, Depressionen und anderen psychischen Störungen. „Alkoholkonsum ist für Menschen, die sich psychisch belastet fühlen, besonders riskant. Die psychoaktive Wirkung von Alkohol kann zwar zunächst mit einer Stimmungsaufhellung verbunden sein, aber letztlich können depressive Verstimmungen oder Ängste durch den Konsum verstärkt werden“, betont Thaiss. 

Gerade in Zeiten der Kontaktbeschränkungen, in der man viel Zeit gemeinsam mit der Familie verbringe, sollte der Griff zur Flasche nicht zur Gewohnheit werden. „Alkohol ist die psychoaktive Substanz mit dem höchsten Aggressionspotenzial“, warnt die BZgA-Leiterin. „Durch die Veränderung in der Wahrnehmung werden unter Alkoholeinfluss Hemmschwellen gesenkt, Risiken unterschätzt, die Selbst- und Fremdwahrnehmung verändert. Was dazu führen kann, dass alkoholisierte Personen Streit suchen und aggressiv werden. In Familien, die aktuell viel Zeit miteinander zuhause verbringen, ist daher unbedingt darauf zu achten, dass der Alkoholkonsum im Limit bleibt. Insbesondere Kinder leiden stark unter alkoholisierten Eltern.“

Kneipen zu, keine Partys: Gute Gelegenheit, weniger zu trinken

Man kann die derzeitige Lage als Belastung sehen, sie bietet aber auch die Chance, mit dem Trinken aufzuhören oder zumindest erheblich zu reduzieren. Denn viele Gelegenheiten, die normalerweise zum Trinken einladen, fallen gerade weg: keine Partys, keine Kneipen- und Restaurantbesuche, keine großen Familienfeiern. Für die ungewohnte Zeit in der Coronavirus-Epidemie empfiehlt Thaiss: „Eine aktive Tages- und Freizeitgestaltung mit regelhafter Struktur sowie Entspannungsübungen können dabei helfen, psychische Belastungen besser zu meistern.“ 

Alkoholprobleme sind noch immer ein Tabu

Alkoholprobleme seien in unserer Gesellschaft nach wie vor tabuisiert, betont Thaiss. Menschen auf ihren Alkoholkonsum anzusprechen, sei daher nicht einfach. „Aber es ist nötig. Im Gespräch sollte man seine Sorge ausdrücken und Unterstützung anbieten. Vorwürfe und Vorhaltungen bringen nichts. Es erfordert Fingerspitzengefühl, das Gespräch so zu führen, dass Betroffene sich öffnen“, sagt die Ärztin. Der erste wichtige Schritt im Kampf gegen die Sucht sei die eigene Einsicht in das Problem, die Bereitschaft zur Veränderung und die Zustimmung, Hilfe anzunehmen.

Empfehlungen für Menschen, die Beratung zu Alkoholsucht und anderen Suchterkrankungen suchen, bietet das Interview mit Priv.-Doz. Dr. med. Peter Neu, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Jüdischen Krankenhauses Berlin.

Expertentipps: Suchterkrankung während der Corona-Pandemie - Chefarzt Priv.-Doz. Dr. med. Peter Neu

Hilfestellung bieten örtliche Suchtberatungsstellen per Telefon und online. Die BZgA-Kampagne „Alkohol? Kenn dein Limit.“ informiert und erklärt, wo Suchtberatungsstellen zu finden sind: 

https://www.kenn-dein-limit.de/handeln/

Unter folgender Rufnummer erreichen Sie die anonyme Suchtberatung der BZgA:

0221 892031, Montag bis Donnerstag von 10 bis 22 Uhr und Freitag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr.