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Erfahrungsberichte
13:26 · 4. Dezember 2020

Dieter, 61, aus Braunschweig

Der Mikrobiologe kannte das Virus aus sicherer Distanz. Dann wurde es für ihn zur Gefahr.

Dieter, 61, aus Braunschweig /

“Mir passiert doch nichts”

Dieter, 61, Professor für Mikrobiologie in Braunschweig, kannte das neuartige Coronavirus bisher aus sicherer Distanz. Doch nach einem Urlaub wurde es für ihn selbst zur Gefahr.

Zuerst dachte ich: Heuschnupfen

Als wir im März aus Norwegen zurückkamen, begann meine Nase zu laufen. Heuschnupfen, dachte ich. Erst als ich während eines Telefonats mit einem Arzt andauernd husten musste, vermutete der, dass es vielleicht auch dieses neue Virus sein könnte. Ich bin zwar Infektionsbiologe, aber mir ging es nicht anders als den meisten: Corona trifft nur die anderen und schon gar nicht einen Mikrobiologen, glaubte ich.

Der Arzt bestand darauf, dass ich mich sofort ins Krankenhaus begebe. Dort stellten die Ärzte fest, dass ich eine Lungenentzündung hatte und bedrohlich wenig Sauerstoff in meinem Blut war. Ich fühlte mich so lethargisch, dass ich alles gleichmütig hinnahm: die Gabe von Sauerstoff, die Behandlung durch Menschen in Schutzanzügen, meine Isolierung in einem Zimmer, den positiven Corona-Test.

Mein Immunsystem sprang an

An die folgenden Tage habe ich keine Erinnerung mehr. Es bestand wohl die Gefahr, dass die Sauerstoffsättigung in meinem Blut so weit sinken würde, dass ich hätte künstlich beatmet werden müssen. Aber zwei Dinge bewahrten mich davor.

Als einer der ersten Patienten bekam ich blutverdünnende Mittel. Man ahnte damals, was sich inzwischen bestätigt hat: Sie verhindern, dass das Blut in den Adern der Lunge verklumpt und man noch schlechter Luft bekommt. Vor allem aber sprang mein Immunsystem an und begann zu kämpfen.

Meine Erinnerung setzt erst nach zwei Tagen wieder ein, als ich mich schon wieder etwas besser fühlte. Jedenfalls dachte ich das, solange ich im Bett lag. Doch sobald ich aufstand, blieb mir die Luft weg. Die Atemnot war so groß, dass ich kaum einen Gang auf die Toilette schaffte. Mein Körper gewöhnte sich nur sehr langsam wieder daran, ohne zusätzlichen Sauerstoff auszukommen. 

Das Robert Koch-Institut zu diesem Fall:

Dieter leidet Monate nach seiner akuten Erkrankung noch an Müdigkeit und Atemproblemen. Weil er älter als 60 Jahre ist, gehört er zur Risikogruppe. Einige Patienten berichten über anhaltende Symptome nach ihrer COVID-19 Erkrankung. Dafür hat sich der Begriff “Long Covid” eingebürgert. Einige Patienten brauchen mehrere Wochen zur Genesung, andere erholen sich bisher nicht vollständig. Die Wissenschaft beginnt dieses Phänomen gerade zu verstehen. 

Robert Koch-Institut
Projektgruppe Wissenschaftskommunikation

Die Zähigkeit der Genesung ist frustrierend

Nach zwölf Tagen kam ich wieder nach Hause. Aber ich war noch lange nicht wieder der Alte. Die Treppe hoch ins Schlafzimmer raubte mir den Atem. Mittlerweile arbeite ich zwar wieder aus dem Homeoffice, aber vollständig genesen bin ich heute, ein halbes Jahr später, immer noch nicht. Im Keller habe ich ein Laufband, auf dem ich mich gerade mal 200 Meter bewegen kann, bis mein Körper mir signalisiert, dass er absolut nicht weiter will. 

Die Zähigkeit der Genesung ist frustrierend. Als Wissenschaftler bin ich nun selbst zu einem Experiment geworden: In der Klinik stellte man fest, dass meine Immunabwehr wohl sehr gut funktioniert und mein Blut extrem hohe Werte an Antikörpern aufweist. Wissenschaftler haben daraufhin die Gene meiner Antikörper vervielfältigt und untersuchen sie jetzt. 

So trage ich etwas zur Bekämpfung von COVID-19 bei. Nicht als Forscher, sondern als Patient.

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