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Corona-Wissen
08:58 · 22. Oktober 2021

Long-COVID und Post-COVID – Langzeitfolgen einer COVID-19-Erkrankung

Mit zunehmender Dauer der Pandemie zeichnet sich immer deutlicher ab, dass eine SARS-CoV-2-Infektion auch bei mildem Krankheitslauf oder unbemerkter Infektion längerfristige gesundheitliche Folgen haben kann. Hier erfahren Sie mehr über mögliche Langzeitfolgen von COVID-19, bei denen zwischen Long-COVID und Post-COVID unterschieden werden kann.

Long-COVID bezeichnet die Spätfolgen von COVID-19.

Viruserkrankungen können tückisch sein. Mitunter leiden Betroffene noch lange nach einer überstandenen Infektion unter Symptomen. Besonders bei Infektionen mit Lungenentzündungen werden längere Genesungszeiten beobachtet. Langzeitfolgen sind auch von anderen Infektionskrankheiten bekannt (Spanische Grippe, MERS, SARS), jedoch lassen aktuelle Studien vermuten, dass Langzeitfolgen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2-Infektion häufiger und länger auftreten als beispielsweise nach einer Influenzainfektion. Das Coronavirus gilt als Multiorganvirus, das neben der Lunge auch in zahlreichen anderen Organen auftritt, etwa in Niere, Herz, Leber oder Gehirn. Hierzu könnte passen, dass die nach einer SARS-CoV-2-Infektion auch nach der akuten Krankheitsphase von vier Wochen beobachteten gesundheitlichen Beeinträchtigungen sehr unterschiedliche Symptome umfassen. 

Verschiedene Krankheitsbilder

SARS-CoV-2, die dadurch ausgelöste COVID-19-Erkrankung und die in Zusammenhang mit Infektion oder Erkrankung beobachteten, länger bestehenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen werden aktuell intensiv erforscht. 

Im Oktober 2021 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine erste Fallbeschreibung (auf Englisch) für die Langzeitfolgen einer COVID-19-Erkrankung (Post COVID-19) veröffentlicht. Zudem haben 16 medizinische Fachgesellschaften unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V. (DGP) einen Patientenleitfaden entwickelt, der häufige Symptome von Long- und Post-COVID beschreibt und erklärt, wie Betroffene sich verhalten können – wenngleich laut Autoren in diesem Zusammenhang vieles noch unbekannt ist.

Patientenleitfaden der DGP

 

Von Atemnot bis Schwindel: Mögliche Long-COVID-Symptome 

Rund 80 Prozent aller Infizierten spüren wenig bis gar nichts von ihrer Corona-Infektion. In leichten Fällen dauert eine SARS-CoV-2-Infektion etwa zwei bis drei Wochen. Für die akute Krankheitsphase wird mit maximal vier Wochen gerechnet. Bei schweren Verläufen kann die akute Krankheitsphase doppelt so lang anhalten. Nach Intensivbehandlungen lassen sich häufig organspezifische Langzeitfolgen beobachten. Auch weniger schwer Erkrankte können über die akute Krankheitsphase hinaus gesundheitliche Symptome haben oder auch neu entwickeln. Nach aktuellen Leitlinien wird je nach Zeitraum, in dem die Beschwerden bestehen, von „Long-COVID“ (mehr als vier Wochen nach Infektion oder Erkrankung fortbestehende Symptome) oder von „Post-COVID-19-Syndrom“ (jenseits von zwölf Wochen noch bestehende oder neu auftretende Symptome oder Gesundheitsstörungen, die anderweitig nicht erklärt werden können) gesprochen. Oftmals stehen hinsichtlich ihrer Ursachen unspezifische Beschwerden wie ständige Erschöpfung, Luftnot, Konzentrationsstörungen („Gehirnnebel“) oder Schwindel im Vordergrund. Verlässliche, repräsentative Daten zum Anteil der Erkrankten mit Langzeitfolgen liegen noch nicht vor. Möglicherweise haben zehn bis 15 Prozent aller Erkrankten mit Langzeitfolgen dieser Art zu kämpfen, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP).

Long-COVID bei schweren Verläufen von COVID-19

Besonders häufig unter Spätfolgen leiden Patientinnen und Patienten mit einem schweren Verlauf von COVID-19. Daten aus England deuten darauf hin, dass rund 40 Prozent der schwerer Erkrankten längerfristige medizinische Unterstützung benötigen, etwa zur Verbesserung der eingeschränkten Lungenfunktion oder anderer betroffener Organe. Bei vielen Patientinnen und Patienten sind noch Monate nach Beginn der Symptomatik Veränderungen der Lunge erkennbar. Einer Studie zufolge wiesen 76 Prozent der rund 1.700 Patientinnen und Patienten, die während einer COVID-19-Erkrankung in Wuhan hospitalisiert waren, noch sechs Monate nach der Infektion mindestens ein Symptom auf: 63 Prozent litten unter Fatigue (eine schnelle und schwerwiegende Erschöpfbarkeit) oder Muskelschwäche, 26 Prozent unter Schlafstörungen, 23 Prozent unter depressiven Symptomen oder Angstsymptomen. Eine deutsche Vorab-Studie kommt zu vergleichbaren Ergebnissen. Den Erfahrungsbericht aus Deutschland über eine langwierige Genesung finden Sie in diesem Beitrag.

Studie: Corona-Schutzimpfung kann auch vor Langzeitfolgen schützen

Die im Fachblatt „The Lancet Infectious Diseases“ erschienene „Zoe COVID Study“ legt nahe, dass vollständig Geimpfte nicht nur vor schweren Krankheitsverläufen, sondern im Fall eines Impfdurchbruches auch vor Langzeitfolgen einer COVID-19-Infektion geschützt sind. Den Forscherinnen und Forschern zufolge haben zweifach (mit einem mRNA-Impfstoff oder dem Impfstoff von AstraZeneca) geimpfte Erwachsene im Falle einer SARS-CoV-2-Infektion ein um 47 Prozent geringeres Risiko, an Long-COVID zu erkranken. Die Studienergebnisse zeigen außerdem, dass die Wahrscheinlichkeit, im Krankenhaus behandelt werden zu müssen, bei vollständig geimpften infizierten Personen um 73 Prozent sinkt. Auch die Wahrscheinlichkeit, akute COVID-19-Symptome zu entwickeln, verringert sich demnach um 31 Prozent.

Spätfolgen bei leichten COVID-19-Verläufen

Long-COVID kann auch Patientinnen und Patienten mit leichten Verläufen betreffen – und sich durch unterschiedlichste Symptome bemerkbar machen. In diesem Bericht werden beispielsweise nachträglich auftretende Gedächtnisstörungen geschildert. Auch kann der Verlust des Geschmacks- und Geruchsinns – ein typisches Symptom einer Corona-Infektion – noch lange nach der Genesung anhalten, wie dieser Beitrag zeigt. Zu den häufigsten Symptomen von Long-COVID zählt die Fatigue – eine schnelle und schwerwiegende Erschöpfbarkeit, unter der viele Genesene auch Monate nach ihrer akuten COVID-19 Erkrankung leiden. 

Fatigue – die schleichende Erschöpfung

Als Fatigue bezeichnet man eine schnelle und schwerwiegende Erschöpfbarkeit. Fatigue tritt nicht selten als eine Begleiterscheinung chronischer Erkrankungen wie Krebs oder Rheuma auf. Auch nach Virusinfektionen wie COVID-19 kann Fatigue auftreten. Die Ursachen sind noch nicht eingehend erforscht. Oft ist nicht das Virus selbst, sondern das Immunsystem, das nach der Infektion noch nicht wieder zur Ruhe gekommen ist dafür verantwortlich, heißt es auf der Website des Charité Fatigue Centrums zur Post-COVID-Fatigue der Berliner Charité.

Kinder und Long-COVID – erste Ergebnisse

Dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte zufolge legen erste Studienergebnisse nahe, dass Kinder mit schwerem Verlauf an anhaltenden Symptomen wie Abgeschlagenheit, Konzentrationsproblemen oder Muskelschmerzen leiden können. In einem Artikel der Fachzeitschrift „Nature“ heißt es beispielsweise, dass laut Statistiken aus England rund zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen bis 16 Jahren fünf Wochen nach der Diagnose noch mindestens ein Symptom der Erkrankung hatten; Daten aus Russland zeigten, dass jedes vierte im Krankenhaus behandelte Kind fünf Monate nach der Entlassung noch Symptome hatte. 

Mehrere größere Studien, u. a. eine Untersuchung der Dresdner Universitäts-Kinderklinik, die verschiedene Beschwerden bei Kindern mit und ohne SARS-CoV-2-Infektion vergleichen, lassen jedoch vermuten, dass keine signifikanten Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen von Kindern bestehen. Eine Schlussfolgerung könnte sein, dass als Ursache neben dem Virus selbst vor allem auch Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie (wie geschlossene Schulen und Kontaktbeschränkungen) bei Kindern eine Rolle spielen und im Zusammenhang mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen stehen. 

Risikofaktoren und Therapieansätze

Hinsichtlich der Risikofaktoren deutet sich an, dass chronische und psychische Vorerkrankungen, Rauchen, Adipositas und ein schwerer COVID-19-Krankheitsverlauf die Entstehung von Long-COVID begünstigen. Auch tritt Long-COVID offenbar besonders im mittleren Lebensalter und bei sozial benachteiligten Menschen auf. Frauen scheinen insgesamt häufiger an Long-COVID zu erkranken als Männer. Auch wer in Gesundheitsberufen arbeitet, scheint ein berufsbedingt erhöhtes Risiko für eine SARS-CoV-2-Infektion und somit auch für eine Long-COVID-Erkrankung zu haben. Eine ursächliche Therapie von Long- oder Post-COVID gibt es noch nicht, derzeit erfolgt die Behandlung deshalb symptomorientiert. Daher kommt der Rehabilitation bei Long-COVID eine besondere Rolle zu. Da meist mehrere Organsysteme betroffen sind, werden häufig auch mehrere medizinische Fachdisziplinen in die Behandlung eingebunden, vor allem die Allgemeinmedizin/ Pädiatrie und Lungenheilkunde, Neurologie, Psychosomatik, Psychiatrie sowie Psychotherapie.

Long-COVID-Ambulanzen und -Selbsthilfegruppen

Die Spätsymptome von COVID-19 sind sehr unspezifisch, auch in Bezug auf bleibende Schäden. Gleichzeitig werden Vorkehrungen getroffen, um Betroffenen zu helfen und weitere Erkenntnisse zu gewinnen. Primäre Ansprechpartner für Patientinnen und Patienten mit Long-COVID sind in der Regel Hausärztinnen und Hausärzte, die häufig gemeinsam mit niedergelassenen Fachärztinnen und Fachärzten gute Netzwerke bilden und somit eine interdisziplinäre, ambulante Versorgung sicherstellen können. In einigen Regionen bestehen zudem bereits haus- und fachärztliche COVID-Schwerpunktpraxen, die ebenfalls als Ansprechpartner für die Patientinnen und Patienten genutzt werden können. 

Darüber hinaus haben Kliniken bereits Long-COVID-Ambulanzen eingerichtet, die sich um Patientinnen und Patienten mit Langzeitfolgen kümmern, etwa die Universitätsmedizin Essen Ruhrlandklinik oder das Universitätsklinikum Jena. In Jena hatte fast die Hälfte der Hilfesuchenden (46 Prozent) ihre COVID-19-Erkrankung ohne Hospitalisierung überstanden. Hier wurden vor allem die Symptome Fatigue (60 Prozent), Depressivität (40 Prozent) und kognitive Störungen (20 Prozent) beobachtet. Das Universitätsklinikum Charité Berlin bietet eine Post-COVID-Fatigue-Sprechstunde an. Halten die Erschöpfungssymptome länger als sechs Monate an, können sich Betroffene dort zur weiteren Abklärung vorstellen. Auch Selbsthilfegruppen haben sich bereits gebildet. Einen ersten Überblick über Initiativen in Deutschland listet die Website longcoviddeutschland.org.

Ulmer Forschungsprojekt: Jede und jeder fünfte von Long-COVID Betroffene weist Organschäden auf

Im Rahmen eines Forschungsprojekts der Universitätsklinik Ulm haben Spezialistinnen und Spezialisten für Innere Medizin Anfang 2021 eine Sprechstunde für Betroffene eingerichtet. Die meisten Menschen, die in die Sprechstunde kommen, sind zwischen 40 und 50 Jahre alt, die jüngsten erst um die 20 – „und eigentlich verhältnismäßig gesund, also ohne chronische Vorerkrankungen", so der betreuende Oberarzt Dr. Dominik Buckert. Einer Zwischenbilanz zufolge leiden 20 Prozent der Betroffenen unter Organschäden. Bei ihnen beobachten die Ärztinnen und Ärzte vor allem Herzmuskelentzündungen und deren Folgen, etwa Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen. Der größte Teil der übrigen Patientinnen und Patienten fühlte sich zumindest schlechter als vor der Erkrankung. Mehr zu der Studie erfahren Sie hier.

IMA Long-COVID: Langzeitfolgen erforschen – Betroffenen helfen

Unter Vorsitz des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) wurde eine Interministerielle Arbeitsgruppe (IMA) „Long-COVID“ eingesetzt, die eine Bestandsaufnahme vorgenommen und auf dieser Grundlage Handlungsempfehlungen formuliert hat. Künftig soll unter Einbindung zahlreicher Expertinnen und Experten die Forschung rund um Long-COVID mit dem Ziel einer besseren Versorgung vorangetrieben werden. Empfohlen werden u. a. eine deutlich erweiterte Daten- und Informationslage, eine Prüfung und ggf. Ergänzung der Versorgungslage sowie eine stärkere Bekanntmachung der Versorgungsangebote und der vorhandenen Instrumente für die Wiedereingliederung ins Erwerbsleben. Betroffene mit einem schweren bzw. komplexen Long-COVID-Krankheitsbild können erheblich in ihren Möglichkeiten zur Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben eingeschränkt sein, so das Fazit der IMA. Da über Schutzfaktoren derzeit kaum etwas bekannt sei, bestehe der sicherlich beste Schutz vor Long-COVID nach wie vor in der Vermeidung der Infektion mit SARS-CoV-2: Infektionsschutzmaßnahmen sowie das Impfen würden helfen, auch das Risiko für Long-COVID zu senken. Den kompletten Bericht der Interministeriellen Arbeitsgruppe „Long-COVID“ im PDF-Format finden Sie hier.

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